Trends 2016 Herbstempfang der Hauptverwaltung in Berlin und Brandenburg

1 Einleitung

Lieber Herr Präsident Tigges,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, dass Sie der Einladung zum Herbstempfang der Deutschen Bundesbank in Berlin und Brandenburg so zahlreich gefolgt sind. Gern möchte ich heute über zwei große Themen sprechen, die den Handlungsrahmen der Kreditwirtschaft wesentlich beeinflussen. Zum einen über die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs und das Auftreten von FinTechs als Konkurrenten für Kreditinstitute; zum anderen über die Zukunft des Bargeldes.

Bitte sehen Sie mir nach, dass ich mich so kurz vor einer EZB-Ratssitzung nicht zur Geldpolitik äußern kann.

2 Digitalisierung des Zahlungsverkehrs

Meine Damen und Herren, Berlin ist hip. Das überrascht Sie nicht. Berlin ist neben London eines der führenden Zentren für Start-ups in Europa. Allein in der ersten Jahreshälfte 2015 wurden in Berlin fast 1.000 neue Unternehmen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie gegründet, ein Plus von 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.[1] Laut einer Studie wurde in der ersten Hälfte dieses Jahres in Berlin mehr in Neugründungen investiert als in London.[2] Berlin ist auch hip, wenn es um den Zahlungsverkehr geht. Große Telekommunikationsanbieter, Kreditkartenunternehmen und Einzelhändler haben Berlin als Pilotregion ausgewählt, um hier das kontaktlose Zahlen mit dem Smartphone zu testen. Berlin soll zu einer "NFC City" werden.

Wenn ich von Neugründungen im Finanzbereich spreche, meine ich FinTechs - Finanztechnologiefirmen.[3] Neben dem Anlagegeschäft und der Kreditvermittlung ist der Zahlungsverkehr ein wichtiger Markt für FinTechs. Zu den Neugründungen im Zahlungsverkehr gehören beispielsweise cringle, elopay, Number 26 oder sum up.[4] Und sie sind - Seite an Seite mit großen Technologiefirmen wie Apple oder Google - angetreten, um uns bequemere und günstigere Zahlungsdienste anzubieten. Oft sind es vor allem neue Zugangswege zu bekannten Zahlverfahren: Überweisung, Lastschrift oder Karten.

Woher kommt diese Dynamik? Und was bedeutet dies für Unternehmen, Verbraucher und Banken?

Das Konsumverhalten hat sich geändert. Eingekauft wird längst nicht mehr nur im Laden, sondern im Internet oder per App, immer und überall. Zuhause, in der U-Bahn und im Café, rund um die Uhr, jeden Tag in der Woche und das ganze Jahr hindurch. Und so leicht und schnell wie der Einkauf soll auch das Bezahlen sein. Ob analog an der Kasse, oder virtuell mit dem Smartphone.

Im stationären Handel sind es vor allem kontaktlose Zahlungen auf Basis der NFC-(Near Field Communication)-Technologie, die im Kommen sind. Hier in "NFC City" haben Sie vielleicht auch schon Erfahrungen sammeln können. Es geht vor allem um Kontaktloskarten und NFC-fähige Handys, wie sie von großen internationalen Kartensystemen und einigen Telefongesellschaften angeboten werden. Kontaktloskarten erfreuen sich positiver Resonanz auf Seiten des Handels. Vor allem die Discounter mit einem hohen Durchsatz an der Kasse sind interessiert. Doch die Kunden sind bislang noch unterversorgt, da bisher fast ausschließlich Kreditkarten mit Kontaktlosfunktion in Deutschland angeboten werden.

Aber auch mit anderen Techniken wie QR- oder Zahlungscodes wird experimentiert. Allerdings befinden sich die meisten Verfahren zum Zahlen mit dem Handy nach wie vor noch im Anfangsstadium, und nicht alle sind erfolgreich. So war dieser Tage von einer großen Handelskette aus Köln zu hören, dass ihr System zum Zahlen mit dem Smartphone eingestellt wird.

Im Onlinehandel ist die Entwicklung weiter. Hier gibt es inzwischen eine ganze Reihe von verschiedenen Zahlungswegen. Sicher kennen Sie Amazon Payments, clickandbuy, PayPal oder SOFORT Überweisung. Diese sorgen für eine reibungslose Integration der Zahlung in den Kaufprozess und gewährleisten, dass der Zahlungsempfänger sicher sein kann, sein Geld zu erhalten. Dafür kann er die Ware umgehend versenden oder digitale Inhalte wie Musik oder Texte sofort für die Nutzung frei geben.

Eine der jüngsten Entwicklungen ist paydirekt. Mit paydirekt reagiert die deutsche Kreditwirtschaft auf die hohe Nachfrage nach speziellen Bezahllösungen für den Onlinehandel. Immerhin begeben sich die Banken und Sparkassen damit in ein Rennen, in dem zurzeit andere die Nase vorn haben. Allerdings kann die Aufholjagd noch gelingen. Für die Kunden ist das Verfahren attraktiv, da es verspricht, sicherer als andere zu sein. Paydirekt ist ein Verfahren der Banken und Sparkassen. Und diese unter­liegen der Bankenaufsicht. Die Zahlung wird direkt vom eigenen Konto aus beglichen - ohne externe Zwischendienstleister, die Daten über das Kundenverhalten sammeln. Das ist auch ein wichtiges Argument aus Sicht des Handels, denn Kundendaten werden ungern mit Dritten geteilt.

Aber auch im unmittelbaren persönlichen Umfeld könnte die Digitalisierung von Zahlungsdiensten bald spürbar werden. So könnte es bald selbst­verständlich werden, das Taschengeld von Smartphone zu Smartphone zu übertragen, Spenden mittels QR-Code anzuweisen oder Restaurantrechnungen per App zu teilen und auszugleichen. Anbieter dafür gibt es bereits.

Für Zahler und Zahlungsempfänger erfüllen diese vielfältigen Möglichkeiten zunächst einmal ihr Bedürfnis nach bequemen, schnellen und sicheren Bezahlverfahren. Schönes neues Zahlungsuniversum also?

So leicht sollten wir es uns nicht machen. Einige Einwände habe ich.

Im Zahlungsverkehr siedeln sich FinTechs sozusagen zwischen Zahler, Zahlungsempfänger und deren Kreditinstitut an. Zwar wird die eigentliche Zahlung noch über das Konto oder eine Kreditkarte abgewickelt, aber dieser Vorgang rückt für die Kunden zunehmend in den Hintergrund. Hier findet eine schleichende Verdrängung statt, die die Kreditwirtschaft vor große Herausforderungen stellt. Während regulatorische Beschränkungen und das bestehende Niedrigzinsumfeld die Margen schrumpfen lassen - müssen die Kreditinstitute sich dem immer intensiveren Wettbewerb stellen. Sie müssen nicht nur intern Organisation und Prozesse verändern, sondern die Schnittstellen zu ihren Kunden komplett überdenken und den digitalen Bedürfnissen anpassen. Wir beobachten, dass schon einiges getan wird, aber es bedarf meines Erachtens noch weiterer Anstrengungen.

Trotzdem sollten Banken und Sparkassen ihre gute Ausgangsposition nicht verkennen. Mit zunehmender Digitalisierung wächst auch das Bewusstsein der Nutzer für Datenschutz und Sicherheit. Denn mit immer mehr Beteiligten steigt die Komplexität in den Zahlungsprozessen. Für den Nutzer ist es kaum noch nachvollziehbar, wer seine persönlichen Daten wann an wen weitergibt und was nach der Zahlung mit ihnen geschieht.

Werden sie zusätzlich analysiert - Stichwort "Big Data" - und für Werbung oder andere Zwecke genutzt? Wo werden sie gespeichert und sind sie dort sicher vor kriminellen Zugriffen? Und wer - wenn nicht Banken mit ihrer besonderen Vertrauensstellung - könnten die kritischen Nutzer besser überzeugen?

Ähnlich sieht es aus, wenn es um die Sicherheit der Zahlungsinstrumente und -systeme geht. Wer garantiert die Zahlung und wie - Stichwort Sicher­heiten und Liquiditätsreserve? Was passiert, wenn die Bezahl-App gehackt und der Zahler zwar belastet wird, aber beim Zahlungsempfänger die Zahlung nicht ankommt? An wen können sich beide wenden? Eine große amerikanische Bank hat solche Überlegungen kürzlich als Grund genannt, warum sie für ihre Kunden den Zugang zu Banking-Apps einschränkt. Bestimmt mögen auch noch andere Gründe eine Rolle spielen, aber der Sicherheitsaspekt ist ein gewichtiges Argument.

Aufgabe für den Gesetzgeber ebenso wie für die Bundesbank und andere Aufsichtsbehörden ist es in diesem Zusammenhang, sehr genau hinzu­schauen, in welche Richtung sich der Markt bewegt, welche neuen Anbieter auftreten und was sie anbieten. Entscheidend ist es, für alle Beteiligten ein Level Playing Field zu schaffen, so dass gleiche Risiken auch gleich reguliert werden.

Die Veränderungen im Zahlungsverkehr sind mit den FinTechs in der Prozesskette aber noch lange nicht am Ende. Auch auf Seiten der Banken soll das Tempo erhöht werden. Die europäische Kreditwirtschaft arbeitet daran, dass alltägliche Zahlungen bald in Echtzeit abgewickelt werden können.

In Großbritannien, Dänemark und Schweden ist das schon möglich. Mit Hilfe von Instant-Payment-Systemen wird jede einzelne Zahlung unmittelbar und individuell verrechnet und gebucht. Der große Vorteil daran: Innerhalb weniger Sekunden wird die Zahlung final und unwiderruflich dem Empfänger gutgeschrieben.

Doch sollte es nicht bei Insellösungen außerhalb des Euro-Raums bleiben. In Fortsetzung der SEPA-Harmonisierung soll ein paneuropäischer Markt für Echtzeitzahlungen entstehen. Seit Ende 2014 erarbeitet die europäische Kreditwirtschaft in Abstimmung mit Anbietern, Nachfragern und Regulierern Vorschläge für ein entsprechendes System. Eckpunkte wurden bereits definiert. Allerdings sind einige Fragen beispielsweise zum Clearing und Settlement, notwendigen Anpassungen in den Banksystemen und Investitionskosten noch ungeklärt.

Ein weiteres Thema beschäftigt die Branche: Man konnte in den vergangenen Wochen kaum noch über Zahlungsverkehr reden, ohne nicht wenigstens zwei Worte über die Blockchain-Technologie zu verlieren.

Was das ist, werden Sie nun wissen wollen. Die Blockchain kann man sich als eine Art Transaktionsregister vorstellen, das nicht zentral von einer einzigen Instanz verwaltet wird, sondern dezentral bei den Nutzern abgelegt ist. Die englische Bezeichnung "distributed ledger" weist darauf hin. Da solche Transaktionsregister grundsätzlich für alle Nutzer einsehbar wären, erscheinen sie transparenter und besser vor Manipulation geschützt. Zentrale Intermediäre wie Banken oder Clearinghäuser könnten obsolet werden. Denn Zahlungen könnten im Prinzip direkt - ohne Intermediäre - zwischen Zahler und Empfänger ausgetauscht werden.

Gegenwärtig scheint die ganze Finanzbranche von der Idee einer Nutzung von "distributed ledger" wie elektrisiert zu sein. Die Technologie ist mit dem Anspruch angetreten, den intermediationsfreien Austausch von Werten zu ermöglichen: also Banking ohne Banken. Doch nun haben die Banken und Zentralbanken begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die Geschäftsbanken versprechen sich durch die Integration der neuen Technologie mehr Effizienz, und wir als Zentralbanken beginnen damit, uns über die Möglichkeiten der neuen Technik zuerst für den Zahlungsverkehr und das Wertpapierclearing zu beschäftigen.

3 Zukunft des Bargeldes

Das Thema "Zukunft des Bargelds" ist aktueller denn je. Sie werden sicherlich die Diskussion um eine Abschaffung des Bargelds verfolgt haben: Prominente Ökonomen wie Kenneth Rogoff oder Peter Bofinger als Mitglied des Sachverständigenrates befürworten eine Abschaffung von Banknoten und Münzen und begründen dies damit, dass es nur in einer Welt ohne Bargeld möglich sei, die Zinsen für die Bürgerinnen und Bürger unter null zu senken. Nur so könnten die geldpolitischen Maßnahmen Wirkung zeigen.

Gegen Bargeld spräche auch, dass man im Supermarkt Zeit sparen würde, wenn Kunden an der Kasse nicht mehr nach Cent-Münzen kramen würden. Und zu guter Letzt argumentieren die Befürworter dieser Position, dadurch den Drogenhandel, Schwarzarbeit oder Steuerhinterziehung zurück­zudrängen.

Gerade letztere Argumente werden auch genannt, wenn man über eine
Einschränkung der Barzahlung diskutiert. Im Gegensatz zur Bargeldabschaffung - die es bislang nirgendwo gibt - ist dies Realität: zwar nicht in Deutschland, aber in anderen europäischen Ländern. Unter anderem gelten in Frankreich, Italien oder Griechenland Höchstgrenzen für Barzahlungen - für größere Beträge muss auf Kartenzahlung, Überweisung oder Lastschrift zurückgegriffen werden. 

Das Bargeld scheint also mittlerweile einen schweren Stand zu haben. Hat es noch eine Zukunft oder werden wir bald nur noch bargeldlos zahlen können? Ich möchte Ihnen heute aufzeigen, was es mit den Argumenten, die scheinbar gegen Bargeld sprechen, auf sich hat. Außerdem werde ich darauf eingehen, was konkret dafür spricht, weiterhin Banknoten und Münzen zu verwenden - diese Argumente werden nämlich in der öffentlichen Diskussion meist vergessen.

Zunächst einmal sind Euro-Banknoten das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel in Deutschland. Würde man die Verwendung von Bargeld einschränken oder es sogar abschaffen, ginge das nicht ohne Gesetzesänderungen. Mir ist allerdings keine Partei und kein Abgeordneter in Deutschland bekannt, die die Abschaffung von Bargeld fordern.

Lässt man sich auf eine inhaltliche Diskussion über die angeblichen
Nachteile des Bargelds ein, findet sich auch wenig Stichhaltiges. Das Argument, ohne Bargeld gäbe es keine Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung oder Drogengeschäfte mehr, greift nicht. Einerseits könnten die handelnden Personen auf Fremdwährungen ausweichen - sofern das Bargeld nicht weltweit abgeschafft wird - oder alternative Tauschmittel nutzen. Andererseits muss es sich bei Schwarzgeld nicht zwangsläufig um Bargeld handeln. Der französische Ökonom Gabriel Zucman schätzt, dass weltweit 5,8 Billionen Euro an privatem Vermögen als Buchgeld nicht deklariert sind und sich auf Konten in Steueroasen befinden.

Auch das Argument, Bargeld erschwere den Zahlungsverkehr, weil an der Ladenkasse nach Kleingeld gekramt werde, kann entkräftet werden. Gemäß der ersten Zahlungsverhaltensstudie der Deutschen Bundesbank aus dem Jahr 2008 sehen fast 90 Prozent der Bevölkerung Bargeld als schnelles und bequemes Zahlungsmittel an. Sicherlich können Barzahlungen im Einzelfall länger dauern. Gleiches gilt aber auch für Kartenzahlungen, bei denen die PIN falsch eingegeben wird oder das Terminal die Karte nicht akzeptiert.

Und schließlich muss man auch nicht auf Banknoten und Münzen verzichten, damit die europäische Geldpolitik wirkt. Das derzeitige Niedrigzinsniveau ist ein Symptom, das auf tieferliegende Ursachen - im Kern eine Wachstumsschwäche - zurückzuführen ist. Diese Wachstumsschwäche gilt es zu überwinden. Eine Bargeldabschaffung ginge an dieser Problem­stellung vorbei.

Die Argumente, die gegen Bargeld und Barzahlungen vorgebracht werden, sind demnach kaum stichhaltig. Doch was spricht ganz konkret dafür, weiterhin mit Banknoten und Münzen zu bezahlen? Eine ganze Menge - und diese Gründe werden oft vernachlässigt. Zum einen schützen Barzahlungen die Privatsphäre der Bevölkerung. Dass davon auch weniger rechtschaffene Personen profitieren, ist kein Grund, die ehrlichen Bürgerinnen und Bürger immer gläserner werden zu lassen. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und Achtung des Privatlebens ist ein hohes Gut, welches nicht aufgeweicht oder preisgegeben werden sollte. "Bargeld ist geprägte Freiheit" - dieses abgewandelte Dostojewski-Zitat hat nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt.

Zum anderen ermöglichen Barzahlungen eine gute Kontrolle der Ausgaben - darauf greifen viele Bürgerinnen und Bürger gerne zurück. Bargeld kann außerdem ohne technische Infrastruktur eingesetzt werden und dient daher als beliebtes Zahlungsmittel zwischen Privatpersonen sowie als Ausfalllösung für den unbaren Zahlungsverkehr. Und schließlich wird besonders in Not- und Krisenzeiten Bargeld stark nachgefragt - sei es als Zahlungsmittel, wenn z.B. die technische Infrastruktur im Fall von Naturkatastrophen zerstört ist oder auch als Wertaufbewahrungsmittel.

Es gibt also viele gute Gründe, weiterhin Bargeld zu verwenden. Eine politisch motivierte Zurückdrängung oder Abschaffung ist weder sinnvoll, noch nötig. Ich möchte es hier ganz deutlich sagen: Die Deutsche Bundesbank lehnt die Forderung nach einer Abschaffung des Bargelds ebenso ab wie Restriktionen für die Bezahlung von Waren und Dienst­leistungen mit Bargeld. Neben unbaren Zahlungsinstrumenten sind Bank­noten und Münzen unverzichtbar, da erst dadurch die Wahlmöglichkeit der Verbraucher gesichert wird. So sind oft die gleichen Kriterien bei der Wahl des Zahlungsinstruments "bar oder unbar" an der Ladenkasse relevant - einfach, schnell und sicher soll es sein. Die Bevölkerung spricht diese Eigenschaften jedoch beiden Zahlungsinstrumenten zu. Die einen finden, dass Bargeld einfach, schnell und sicher genutzt werden kann, die anderen sehen diese Eigenschaften durch Kartenzahlungen oder andere unbare Zahlungsmittel erfüllt. Lassen wir den Menschen also die Wahl, sich für die Bezahlweise zu entscheiden, die persönlich vorteilhaft erscheint.

Doch wie sieht es konkret im deutschen Bezahlalltag aus? Um heraus­zufinden, inwieweit Banknoten und Münzen an der Ladenkasse immer noch genutzt werden oder unbare Zahlungsinstrumente dem Bargeld letztlich den Rang ablaufen, führt die Deutsche Bundesbank regelmäßig Studien zum Bezahlverhalten durch. Gemäß unserer neuesten Studie zum Zahlungsverhalten in Deutschland 2014 - die wir im ersten Halbjahr 2015 veröffentlicht haben - werden mit 53 Prozent über die Hälfte der Umsätze im Handel bar beglichen. Mit Blick auf die Anzahl der Transaktionen fällt das Bild noch deutlicher aus: fast 80 Prozent aller Transaktionen erfolgen bar.

Bei den bargeldlosen Zahlungsinstrumenten greifen Verbraucherinnen und Verbraucher bevorzugt zur girocard - der früheren ec-Karte. Annähernd 30 Prozent der erfassten Umsätze werden inzwischen damit bezahlt. Der Anteil der girocard-Zahlungen an der Anzahl der Transaktionen steigt langsam, aber kontinuierlich. Immerhin die Hälfte der Befragten gibt auch an, bei der Wahl des Zahlungsinstruments festgelegt zu sein: 33 Prozent zahlen nach eigenen Angaben immer bar, 17 Prozent zahlen unbar, wo immer möglich. Prinzipiell kann diese Festlegung dazu führen, dass sich Innovationen im Zahlungsverkehr langsamer durchsetzen.

Insgesamt betrachtet bestehen im Umgang mit Zahlungsinstrumenten relativ stabile Präferenzen. Verhaltensänderungen im Zahlungsverhalten vollziehen sich - zumindest in Deutschland - eher evolutionär, weniger revolutionär. 

In Deutschland hat das Bargeld für Transaktionen im Alltag der Bürger also einen besonderen Stellenwert. In einigen anderen Ländern werden unbare Zahlungsmittel allerdings deutlich öfter verwendet. Der Bargeldanteil in Großbritannien, den Niederlanden sowie in den USA liegt lediglich bei rund 50 Prozent. Auch in den skandinavischen Ländern nehmen bargeldlose Zahlungsinstrumente einen deutlich höheren Stellenwert ein als in Deutschland. Aus der Presse könnten Ihnen einige Anekdoten bekannt sein. "Hast Du mal eine Krone?" funktioniert in Schweden angeblich sogar schon mit Karte, die am Handy mit einem aufgesetzten Kleinstterminal ange­nommen wird. Und im ABBA Museum in Stockholm sind nur bargeldlose Zahlungen möglich.

Die dänische Notenbank hat angekündigt, wegen fehlender Nachfrage ab 2016 voraussichtlich keine neuen Banknoten mehr zu drucken. In Dänemark gibt es auch Überlegungen, ab 2016 einige kleine Läden von dem Annahmezwang von Bargeld zu befreien, vorgeblich um Kosten zu sparen. Die Mehrheit der Bundesbürger hält derartige Einschränkungen allerdings für keine gute Idee: Einem Marktforschungsinstitut zufolge wollen drei von vier Bürger nicht, dass der gesetzliche Annahmezwang für Bargeld in Deutsch­land abgeschafft wird.

Trotz des Bedeutungszuwachses bargeldloser Zahlungsmittel erleben wir eine permanente Steigerung des Banknotenumlaufs, also des Wertes der Banknoten, die sich im Besitz von Unternehmen und Bürgern befinden.

In den vergangenen zehn Jahren ist beispielsweise der Umlauf an Euro-Banknoten von 500 Milliarden Euro auf 1.000 Milliarden Euro gestiegen. Im Eurosystem haben wir eine Bargeldzunahme von gut 5 Prozent pro Jahr. Die Ursache des Wachstums des Banknotenumlaufs ist unter anderem in der Funktion des Bargelds als Wertaufbewahrungsmittel zu sehen. Wegen ihrer Wertstabilität und ihrer allgemein hohen Qualität werden Euro-Banknoten zudem gerne als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel im Ausland nach­gefragt. Meine Damen und Herren, basierend auf dieser starken Nachfrage wird das Bargeld auch zukünftig eine wichtige Rolle als Zahlungs- und
Wertaufbewahrungsmittel einnehmen, auch wenn zunehmend mehr Alternativen existieren.

4 Fazit

Meine Damen und Herren, Sie sehen: Der Zahlungsverkehr ist im Umbruch. Einerseits bringt die zunehmende Digitalisierung viele neue Bezahlvarianten und technologische Entwicklungen hervor. Auf der anderen Seite hat Bargeld immer noch Zukunft. Zwar gehen wir davon aus, dass der Barzahlungsanteil an der Ladenkasse mittelfristig unter die 50 Prozent-Marke rutschen wird. Doch damit würde sich Deutschland stärker dem annähern, was als Bargeldquoten in unseren europäischen Nachbarländern üblich ist.

Als Bundesbank vertreten wir die Auffassung, dass wir den Bürgerinnen und Bürgern keine Vorschriften bei der Wahl ihrer Zahlungsinstrumente machen möchten. Ihnen soll vielmehr ein Mix an sicheren und effizienten Zahlungsinstrumenten zur Verfügung stehen, aus dem sie frei nach ihren Präferenzen wählen können. Bargeld ist ein Bestandteil dieses Zahlungsmittelmixes und wird es auf absehbare Zeit auch in der digitalisierten Welt von morgen bleiben.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


Fußnoten:

  1. Bundesbank, Kurzbericht zur Wirtschaftslage in Berlin und Brandenburg, 2. Quartal 2015
  2. EY, Start-up-Barometer Deutschland, August 2015
  3. 4,1% der im 3. Deutschen Startup Monitor von KPMG untersuchten Firmen sind FinTechs
  4. Alle vier Firmen haben ihren Sitz in Berlin. cringle, elopay = P2P Bezahl-App, sum up = mobile Kartenakzeptanzlösung via Bluetooth und App.