Zahlungsverkehr und Wertpapierabwicklung in Europa - heute und morgen Empfang der Bundesbank in Frankfurt am Main am 29. November 2012

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

das Motto für diesen traditionellen Empfang heißt: Zahlungsverkehr und Wertpapierabwicklung in Europa – heute und morgen.

Damit ist schon umrissen, worum es geht und wer hier versammelt ist. Wir haben Sie als unsere geschätzten Partner und Kunden auch dieses Jahr eingeladen. Und wir suchen den Dialog mit Ihnen. Denn die Aufgaben, vor denen wir stehen, können wir nur gemeinsam bewältigen. Schön, dass Sie gekommen sind und sich für den Austausch etwas Zeit nehmen. Ich heiße Sie im Namen der Deutschen Bundesbank zu unse­rem Empfang herzlich willkommen und danke Herrn Präsident Kohse, dass wir auch in diesem Jahr wieder in den schönen Räumen der Hauptverwaltung Hessen zu Gast sein dürfen.

1 TARGET2: Fünf Jahre

Wie erfolgreiche gemeinsame Gestaltung von Infrastrukturen im Finanzsektor aussieht, sehen wir am Beispiel von TARGET2. Wir können heute fast innerhalb der Oktav, in der man noch gratulieren darf, den fünften Geburtstag dieses wegweisenden europäischen Individualzahlungsverkehrssystems feiern. Am 19. November 2007 startete der Betrieb von TARGET2 mit zunächst acht Notenbanken und ihren jeweiligen nationalen Nutzergruppen. Inzwischen sind es 23 nationale Notenbanken zuzüglich der EZB.

TARGET2 war in vielfacher Hinsicht ein erfolgreiches Projekt. Es war das erste Projekt, das gemeinsam von drei nationalen Notenbanken im Auftrag des Eurosystems entwickelt und umgesetzt wurde. Dabei waren im ganzen Eurosystem rund 500 Personen eingebunden. Bei der Entwicklung wurden die Nutzer, also die europäische und nicht zuletzt die deutsche Kreditwirtschaft von Anfang an einbezogen. Das hat nicht nur die Akzeptanz verbessert, sondern vor allem das Produkt.

Banca d’Italia, Banque der France und Bundesbank haben TARGET2 gemeinsam entwickelt und sind bis heute die Betreiber des Systems. Daher gehört zur Geburtstagsfeier auch die Gratulation zu fünf Jahren praktisch störungsfreiem Betrieb. TARGET2 erreicht eine Verfügbarkeit von fast 100 Prozent. Genau waren es 99,89 Prozent im Vorjahr und dieses Jahr liegen wir bisher – und ich hoffe, dass ändert sich auch nicht mehr – bei 100 Prozent. Viel mehr geht nicht! Mein Dank an dieser Stelle geht an die Operational Teams der drei Betreiber-Zentralbanken.

Und TARGET2 wurde und wird weiter entwickelt. Schon im November 2008 konnte der erste Releasewechsel vollzogen werden. Seither gibt es praktisch jährlich ein Release, mit denen die Möglichkeiten von TARGET2 erweitert, die Sicherheit erhöht und die Nutzerfreundlichkeit verbessert werden.

Wir können heute nicht ohne Stolz festhalten, dass mit TARGET2 ein hervorragendes Zahlungsverkehrssystem das Rückgrat des europäischen Finanzsektors bildet.

 

  • Ein System, das so vielfältig ist wie die breit gefächerte europäische Finanzwirtschaft.

  • Ein System, das höchste Abwicklungssicherheit mit stark ausgeprägten liquiditätssparenden Algorithmen verbindet.

  • Und ein System, das praktisch fehlerfrei betrieben wird.

Wir haben aus Anlass des fünfjährigen Geburtstags von TARGET2 einen Sonder-Newsletter herausgegeben, den Sie auf unserer Homepage unter der Schaltfläche „Kerngeschäftsfelder“ Rubrik „Unbarer Zahlungsverkehr“ finden. Und ich möchte auch an dieser Stelle noch einmal allen Beteiligten in den Nutzergremien und in den beteiligten Notenbanken herzlich danken für diese erfolgreiche Gemeinschaftsleistung.

2 TARGET2-Securities

Sie alle wissen, dass wir längst an einem viel größeren Gemeinschaftsprojekt arbeiten: TARGET2-Securities.

Die Entwicklung einer zentralen Drehscheibe für die Wertpapierabwicklung in Europa, die zugleich geldseitig in sicherem Zentralbankgeld abwickelt, ist in der Tat eine weit größere Herausforderung. Nicht nur die größere Diversität der abzuwickelnden Wertpapiere, auch die Multiwährungsfähigkeit und nicht zuletzt die breit gestreute Schar der Beteiligten bilden diese Herausforderungen.

Daher freut es mich besonders, dass wir in diesem Jahr einen großen Meilenstein erreichen konnten. Mit der Vertragsunterzeichnung im Juni dieses Jahres haben sich nahezu alle Zentralverwahrer der Eurozone zur Teilnahme an T2S verpflichtet. Dazu kommen die Zentralverwahrer aus Dänemark, Ungarn, Rumänien, Litauen und der Schweiz. Außerdem hat die Dänische Zentralbank unterschrieben, ihre Währung ab 2018 für die Abwicklung in T2S zur Verfügung zu stellen. Auch in anderen skandinavischen Ländern besteht grundsätzliches Interesse an einer T2S-Teilnahme.

T2S hat also einen Markt. Und die Marktteilnehmer können sich nun ihrerseits auf T2S einstellen.

Ausgehend vom Start der Initiative des Eurosystems für T2S im Jahr 2008 ist bereits deutlich mehr als die Hälfte der Strecke zurückgelegt bis zum geplanten Termin der Inbetriebnahme im Juni 2015. Die Entwicklung läuft auf Hochtouren. Soweit man das beziffern kann, sind 87 Prozent der Softwareentwicklung abgeschlossen. Parallel wurde bereits stufenweise mit internen Testaktivitäten begonnen.

Jetzt müssen Zentralverwahrer und Banken ihre eigenen Anpassungen – sowohl strategisch als auch operational – vorantreiben, wenn sie von den vielfältigen Chancen und Vorteilen profitieren wollen. Dies ist für einen erfolgreichen Start ebenso wichtig wie die Bereitstellung der Plattform. An dieser Stelle möchte ich den deutschen Zentralverwahrer, die Clearstream Banking Frankfurt, lobend erwähnen. Mit den von Clearstream eingerichteten Nutzer-Arbeitsgruppen, an denen sich auch die Bundesbank beteiligt, ist der deutsche Markt in punkto T2S-Vorbereitung schon ein gutes Stück vorangekommen auch im Vergleich zu den Nachbarn westlich des Rheins.

Ich habe vergangenes Jahr an dieser Stelle gesagt: T2S ist auf gutem Weg. Und ich habe von dem Meilenstein des Vertragsangebotes gesprochen. Heute kann ich zufrieden feststellen, wir haben im gemeinsamen Interesse an T2S das vergangene Jahr gut genutzt.

3 SEPA

Natürlich denken wir bei Großprojekten im Zahlungsverkehr auch an SEPA. Viele von Ihnen waren auf der Payments Conference im Rahmen der Euro Finance Week in der vergangenen Woche. Da habe ich ausführlich über die Bedeutung von SEPA für den Zahlungsverkehr von morgen gesprochen.

Ich möchte hier nur wenige Aussagen dazu wiederholen: Es verbleiben weniger als 14 Monate bis die nationalen Verfahren für Überweisungen und Lastschriften auslaufen. Bis dahin müssen wir alle Betroffenen erreicht haben und diese müssen ihre Verfahren umgestellt haben. Dazu gibt es keine Alternative.

Bei den privaten Haushalten geht es primär um Information. Die Bundesbank wird dazu in einer breit angelegten Kampagne Kommunikationsmaßnahmen ergreifen. Wir tun dies in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium der Finanzen und den Mitgliedern des SEPA-Rates.

Ich begrüße sehr, dass die Deutsche Kreditwirtschaft intensive eigene Informationsanstrengungen unternimmt und ihre Rolle als wichtigster Informationsübermittler zu SEPA-relevanten Themen ausfüllt.

Schwieriger wird die Anpassung bei Unternehmen, wenn diese eigene IT-Systeme einsetzen und technische Anpassungen für SEPA notwendig sind. Aus Umfragen wissen wir, dass viele Unternehmen sich der mit SEPA verbundenen Herausforderungen noch nicht bewusst sind.

Es ist gut, dass im SEPA-Rat Spitzenvertreter der Angebots­seite (Kreditwirtschaft) und der Nachfragerseite (u.a. Handel, Versi­cherungen, Verbraucher, Wohlfahrtsorganisationen) des deutschen Zahlungsverkehrsmarktes moderiert vom Bundesministerium der Finanzen und der Bundesbank zusammen arbeiten. Gemeinsam werden wir es schaffen, eine nutzerfreundliche Umstellung auf die neuen Verfahren in Deutschland zu gewähren.

Und dann? Ja, dann geht es erst los mit den SEPA-Vorteilen. Denn eine Zahlung ist nur ein Teil aller Finanzprozesse. Unternehmen werden die Vorteile von SEPA dann stärker spüren, wenn SEPA als Anknüpfungspunkt für die Verbesserung der Geschäftsprozesse genutzt wird.

SEPA als Standardisierungsprojekt im Zahlungsverkehr ist folglich mit der reinen Umstellung auf die SEPA-Verfahren für Überweisungen und Lastschriften noch längst nicht beendet.

Schluss

Meine Damen und Herren,

Sie sehen, Gesprächsstoff zum Zahlungsverkehr und zur Wertpapierabwicklung gibt es genug. Egal, ob es Probleme oder Lösungsvorschläge sind, ob es Lob oder Tadel ist, ob Sie über Technik oder Geschäftsmodelle reden, jetzt haben Sie das Wort. Wir freuen uns auf einen schönen Abend zusammen mit Ihnen.

Herzlichen Dank, dass Sie gekommen sind.