Zehn Jahre TARGET2 – eine Erfolgsgeschichte wird fortgesetzt Jubiläumsveranstaltung "Zehn Jahre TARGET2"

Sehr geehrter Herr Dr. Fabritius,
sehr geehrte Damen und Herren,

auch ich möchte Sie im Namen der Bundesbank ganz herzlich hier heute begrüßen. Wir freuen uns, dass Sie gekommen sind, um mit uns "Zehn Jahre TARGET2" zu feiern. Wir feiern damit auch Sie.

Denn der Zahlungsverkehr ist eine Netzwerkindustrie par excellence. Große Finanzmarktinfrastrukturen sind immer eine Gemeinschaftsleistung von Entwicklern, Nutzern, Betreibern und natürlich auch ein bisschen von den Überwachern.

Sucht man in der Technikgeschichte nach wichtigen Neuerungen im Jahre 2007, so stößt man vor allem und fast ausschließlich auf eines: Die Einführung eines Smartphones im Sommer 2007 in den USA und dies zehn Tage vor dem Start von TARGET2 in Europa.

Zugegeben, die Erfindung aus Kalifornien hat einen einmaligen weltweiten Siegeszug angetreten. Dagegen wirkt der Bekanntheitsgrad von TARGET2 etwas unterbewertet.

Es ist das Schicksal von Infrastrukturen, dass sie in der Regel selbst nicht so prominent sind. Echte Prominenz erlangt man nicht im Back-Office. Aber die Kenner wissen, ohne ein effizientes Back-Office läuft auch im Front-Office nichts. Und zum Glück sind wir hier unter Kennern. Daher möchte ich auch über die historische Bedeutung von TARGET2 sprechen.

1 Historische Dimension

Der Zahlungsverkehr ist eine der Kernaufgaben der Bundesbank. Er ist essenziell für die Zentralbanken, denn wir wollen stabiles Geld bereitstellen. Und stabiles Geld erfüllt drei Funktionen: Es dient der Geldaufbewahrung, es dient als Recheneinheit und es dient als Zahlungsmittel. Zu stabilem Geld gehört auch ein sicheres und effizientes Zahlungssystem.

Übrigens, die heute so prominent in den Medien vertretenen sogenannten virtuellen Währungen erfüllen weder die elementaren Geldfunktionen, noch verfügen sie über ein sicheres und effizientes Übertragungssystem. Und von Stabilität kann bei virtuellen Währungen auch nicht die Rede sein.

Über viele Jahrhunderte war Gold die ultimative Währung. Aber im Fernhandel der Neuzeit wurde wenig Gold transportiert. Gezahlt wurde häufig mit Wechseln der Kaufleute – gleichsam unbar. Der Transport der Wechsel war einfacher und weniger risikobehaftet. Sie wurden auf den großen Messen direkt nach Handelsabschluss ausgestellt und einige Monate später bei Lieferung der Ware beglichen. Wir sehen, ein geeignetes Zahlungsinstrument ist immer die Kombination aus stabiler Werteinheit und einem sicheren und stabilen Zahlungsweg oder ‑system.

Für uns als Zentralbanker hat der Zahlungsverkehr auch eine sinnstiftende Bedeutung. Das Wirken als zentrale Clearingstelle ist einer der drei Ursprünge des Zentralbankwesens. Die anderen Ursprünge sind die Funktion der Notenbank und die Funktion als Lender of Last Resort. Und natürlich rührt der Name "Zentralbank" daher, dass eine Institution gegründet wurde, die sich zentral in die Mitte der Marktteilnehmer setzte. Anstatt des vielfachen bilateralen Clearings konnte ein zentrales Clearing einsetzen.

Eine der ersten und gut dokumentierten Realisierungen dieses Prinzips war die Amsterdamer Wisselbank, gegründet 1609. Die Amsterdamer Wisselbank (auf Deutsch: Wechselbank) nahm Gelder in unterschiedlichen Währungen von den Banken am damaligen Finanzplatz Amsterdam an, rechnete sie in Bankgulden (eine eigene Währung mit festgelegtem Silbergehalt) um und schrieb die Einlage auf einem Konto gut. So wurden bargeldlose Zahlungen zwischen den Banken ermöglicht. Die zahlreichen Banken wickelten ihre Zahlungen nun über die zentrale Wisselbank ab.

Das ist lange her. Aber wir dürfen heute ruhig den Blick schweifen lassen, um uns die Bedeutung einer effizienten Finanzmarktinfrastruktur zu vergegenwärtigen. In der Tat sehen Historiker heute die Gründung der Wisselbank als wichtigen Beitrag für den ökonomischen Erfolg der Niederlande in der frühen Neuzeit.

In Deutschland gab es ähnliche Entwicklungen. Eine der bedeutendsten war die Gründung der Hamburger Bank im Jahre 1619. Ähnlich wie die Amsterdamer Wisselbank gab sie eine Währung mit feststehendem Silbergehalt, die Mark Banco, heraus. Und sie entwickelte im Laufe ihres zweithundertjährigen Bestehens ein effizientes Girosystem zum Übertrag von Geldern. Die Reichsbank übernahm Anfang 1876 die Hamburger Bank und mit ihr das Girosystem, das als Vorläufer unseres Girowesens gelten kann.

Auch der Hamburger Bank wird zugeschrieben, mitverantwortlich für den Aufstieg Hamburgs zum führenden Finanzplatz im Norden des Alten Reiches zu sein. Ja, sie wirkte dank ihres effizienten Girosystems sogar über die Reichsgrenzen hinaus. Selbst dänische Banken bedienten sich der Dienstleistungen der effizient abwickelnden Hamburger Bank.

2 Integration des europäischen Geldmarktes

Ob die Schaffung von TARGET2 vergleichbar ist mit den beschriebenen historischen Fällen, diese Einschätzung überlassen wir den Historikern für spätere Tagungen. Aber wir sehen, dass mit der einheitlichen Plattform für die Übertragung von Zentralbankgeld der Geldmarkt im Eurosystem sehr eng zusammengewachsen ist.

Mit TARGET und TARGET2 entstand erstmals ein gemeinsamer Geldmarkt im Eurosystem. Marktteilnehmer schätzen daran die höhere Effizienz des größeren Marktes, die niedrigen Liquiditätskosten und die größere Flexibilität in der Disposition.

TARGET hatte auch die Aufgabe, die Abwicklung von grenzüberschreitenden Zahlungen im Eurosystem zu leisten. Denn 1999 gab es außer Euro1 noch keine paneuropäische Infrastruktur. Lediglich die Zentralbankkomponente war harmonisiert. Mit TARGET2 entstand dann eine wirklich paneuropäische Infrastruktur. So gesehen ebnete TARGET2 auch SEPA den Weg.

Wir als Zentralbanker sehen den einheitlichen Geldmarkt vor allem als Voraussetzung für einen einheitlichen geldpolitischen Transmissionsprozess. Die Geldpolitik des Eurosystems wirkt direkt über den Geldmarkt. Das gilt für die Zinspolitik, aber genauso für die praktischen Instrumente in der Umsetzung der Geldpolitik.

Geldpolitische Impulse erreichen so das gesamte Eurosystem in gleicher Weise. Natürlich wirken sie nicht immer einheitlich, weil die Finanzstrukturen unterschiedlich sind und die Wirtschaftskulturen sich unterscheiden. Umso wichtiger war und ist, dass das Eurosystem seine eigenen Systeme so weit wie möglich harmonisiert und damit die Grundlagen für eine Integration der Märkte liefert.

Und wir erreichen alle geldpolitischen Geschäftspartner gleichermaßen. Das Eurosystem arbeitet nicht mit einem Primary-Dealer-System, sondern bietet dem gesamten Markt den direkten Zugang zu Zentralbankgeld. TARGET2 ist das System, das dies ermöglicht.

Dabei haben wir die Betreuung der Kunden in der Verantwortung der nationalen Zentralbanken belassen. Die Banken haben also ihre nationalen Ansprechpartner behalten und agieren trotzdem auf dem großen europäischen Geldmarkt.

Das kurze Ende des Marktes, also der Geldmarkt, das ist der Bereich, den die Notenbanken in normalen Zeiten mehr als andere Segmente direkt beeinflussen. Wir wissen jedoch, dass wir mit der Beeinflussung dieses kurzen Endes und der Geldpolitik im Allgemeinen – also zum Beispiel mit dem geldpolitischen Ausblick – letztlich die gesamte Zinsstrukturkurve adressieren und verändern. Deshalb ist die Integration des Geldmarktes für mich die Grundbedingung für eine echte Kapitalmarktunion.

TARGET2 ist der Kern der europäischen Finanzmarktinfrastruktur. Praktisch alle relevanten geldseitigen Abwicklungen anderer Systeme – sei es von Zentralverwahrern, von CLS, von zentralen Kontrahenten oder von Systemen des Massenzahlungsverkehrs – laufen in TARGET2 zusammen.

Ich halte daher fest: Für die historische Bedeutung von TARGET2 spielt es keine Rolle, dass es in der Prominenz hinter dem Smartphone etwas zurückbleibt.

3 Entwicklung von TARGET2

Über die Entwicklung von TARGET2 damals in den Jahren vor 2007 wird im Anschluss Anja Hartmann sprechen. Sie hat – wie viele unter uns die Entwicklung von TARGET2 von Anfang an begleitet und mitgestaltet. Ich bin sehr gespannt auf ihren Vortrag.

Vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, ist das Ergebnis eines langjährigen Optimierungsprozesses. Es galt, sich in unserer Netzwerkindustrie zu einigen.

Natürlich haben alle Teilnehmer eigene Interessen. Und es ist kein Geheimnis, dass die Einigung innerhalb des Eurosystems nicht gerade leicht war. Es bedurfte des intensiven Austausches zwischen den Beteiligten und des gemeinsamen Ringens um die beste Lösung für den Kern der europäischen Finanzmarktinfrastruktur.

Dabei war mit dem 19. November 2007 die Entwicklung mitnichten abgeschlossen. Die Teilnehmer mussten in mehreren Wellen erst auf TARGET2 migrieren und das System selbst wurde weiter integriert. Erst im September 2013 war nach der sogenannten "Transition Period" die Verlagerung der Kontoführung auf die TARGET2-Plattform abgeschlossen.

Im Laufe der Jahre wurde das System weiter entwickelt. Dazu gehört die verbesserte Nutzung der Daten für analytische Zwecke, zum Beispiel im sogenannten TARGET2-Simulator. Das ist ein Werkzeug, das die Zentralbanken nutzen, um Fragen der Überwachung und solche der funktionalen Weiterentwicklung quantitativ besser abschätzen zu können.

TARGET2 bietet einen Schatz an Informationen, den wir für die Zwecke der Zahlungsverkehrspolitik nutzen müssen. Dabei sind wir durch die TARGET2 Guideline streng auf den Schutz der Daten vor unbefugtem Einblick verpflichtet.

Gleichwohl hilft uns TARGET2 auf diese Weise die Liquiditätsbedürfnisse des Marktes besser zu verstehen. Aufgrund der zentralen Bedeutung von TARGET2 für die großen Geldströme im Eurosystem bietet es eine ideale Grundlage, Zahlungsverhalten und Liquiditätsmanagement zu verstehen.

TARGET2-Salden

In TARGET2 spiegeln sich gleichsam alle wichtigen Finanzentwicklungen des Eurosystems. Dazu muss man wissen, dass TARGET2 pro Geschäftstag durchschnittlich 340.000 Zahlungen im Wert von ca. 1.700 Milliarden Euro abwickelt. Das entspricht mehr als der Hälfte des jährlichen deutschen Bruttoinlandsprodukts. Nicht zuletzt die TARGET2-Salden sind dabei ein wichtiger Indikator.

Vor der Finanz‑ und Staatsschuldenkrise waren die TARGET2-Salden unbedeutend. Der Saldo der Deutschen Bundesbank betrug Ende 2006 5 Milliarden Euro. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Saldo dann Ende August 2012 mit 751 Milliarden Euro. Ende Oktober liegt der Saldo bei 848 Milliarden Euro.

Vorab: Die TARGET2-Salden haben nichts mit der Funktionalität von TARGET2 zu tun, und sie beeinträchtigen das technische System auch nicht. TARGET2-Salden entstehen marktbedingt und politikbedingt. Sie zeigen das Ergebnis der europäischen Geldpolitik und sind ein Indikator für das Ausmaß der Finanzkrise sowie der Staatsschulden‑ und ‑vertrauenskrise.

Jeder Währungsraum, in dem es mehrere emittierende selbständige Notenbanken gibt, braucht eine Art Verrechnungskonto. Das US-amerikanische Federal Reserve System fasst die Transfers zwischen den einzelnen Federal Reserve Districts im sogenannten Interbank Settlement Account zusammen.

Dort kam es bisweilen zu erheblichen Ungleichgewichten. Im April eines jeden Jahres findet ein Teilausgleich statt. Dabei tauschen die Federal Reserve Districts unverzinsliche Forderungen aus dem Interbank Settlement Account gegen verzinsliche Staatsanleihen. Einen solchen Mechanismus gibt es bei TARGET2 nicht.

Im Eurosystem haben wir nicht nur ein Element der Intra-Eurosystem-Verrechnung, sondern mehrere. Die zwei bedeutendsten sind die TARGET2-Salden und die Verbuchung von Forderungen bzw. Verbindlichkeiten aus der Bargeldemission. Bei letzterem hat die Bundesbank zum Beispiel hohe Verbindlichkeiten, weil wir deutlich mehr Bargeld ausgeben als es unserem Anteil am Eurosystem entspricht. Erst alle Elemente zusammengenommen ergeben ein vollständiges Bild über die Intra-Eurosystem-Beziehungen.

Doch, lassen Sie mich noch einmal festhalten: TARGET2 zeigt die Symptome der Finanzkrise in Form der TARGET2-Salden. Weder ist TARGET2 die Ursache, noch ist TARGET2 in seiner Funktionalität von den TARGET2-Salden beeinträchtigt.

5 Vision 2020

Wir haben eine Vision für die Zukunft der Marktinfrastrukturen des Eurosystems. Diese Vision hat sich im Laufe der vergangenen Jahre entwickelt, während wir an der Umsetzung von TARGET2-Securities gearbeitet haben.

TARGET2-Securities war ungleich komplexer als TARGET2. Das liegt an der Materie – eine Zahlung ist relativ simpel im Vergleich zu einer Wertpapierabwicklung. Das liegt aber auch an der größeren Zahl und Diversität der Teilnehmer.

Daher musste die Migration etwas gestreckt werden. Das Go-Live erfolgte im Juni 2015 und der deutsche Markt migrierte im Februar 2017. Nachdem nun im Sommer dieses Jahres die letzte Migrationswelle abgeschlossen werden konnte, können wir den Blick wieder stärker nach vorne richten.

Die TARGET-Familie, bislang bestehend aus TARGET2 und TARGET2-Securities soll erweitert und stärker integriert werden.

Erweiterung, das heißt hier eine Lösung für Instant Payments, eben TARGET Instant Payments System, kurz: TIPS. Mit TIPS stellt das Eurosystem den europäischen Finanzmärkten einen harmonisierten und standardisierten pan-europäischen Service zur Abwicklung von Instant-Zahlungen in Zentralbankgeld auf 24/7/365‑Basis zur Verfügung. Damit können rund um die Uhr an jedem Tag im Jahr – auch am Wochenende und an Feiertagen – binnen Sekunden Zahlungen in Zentralbankgeld final und unwiderruflich verrechnet werden. Die Betriebsaufnahme ist für den 30. November 2018 geplant.

Stärkere Integration bezieht sich auf die Schaffung einer gemeinsamen Plattform für TARGET2 und TARGET2-Securities. Zu unserer Vision gehört auch die Integration der Sicherheitenverwaltung in dieses Gesamtsystem, die Schaffung eines Eurosystem Collateral Management Systems.

Was wollen wir damit erreichen? Unsere übergeordneten Ziele sind:

  1. Eine moderne integrierte technische Infrastruktur mit besserem Service für die Nutzer und niedrigen Betriebskosten.
  2. Eine Verbesserung des Leistungsangebotes mit Blick auf die Marktbedürfnisse und die Geschäftsentwicklungen sowie auf technische Möglichkeiten und Bedrohungen.
  3. Ein Beitrag zur weiteren Finanzmarktintegration und Harmonisierung im Rahmen der geplanten europäischen Kapitalmarktunion.

Die Entscheidung für TIPS ist bereits gefallen, Entscheidungen zur Integration von TARGET2 und TARGET2-Securities sowie zum ECMS sind für den Dezember dieses Jahres zu erwarten.

6 Die Erfolgsgeschichte geht weiter

Zehn Jahre TARGET2. Das ist wahrlich eine Erfolgsgeschichte. Und ich möchte dazu Ihnen allen, die mitgewirkt haben, gratulieren. TARGET2 hat das Eurosystem vorangebracht.

Und die Geschichte geht weiter. Mit der Vision 2020 verfolgen wir nach wie vor dieselben Ziele wie mit TARGET2: Der europäische Finanzmarkt soll enger zusammenwachsen. Ein besser integrierter Markt, der über sichere und effiziente Finanzmarktinfrastrukturen verfügt, ist eine unerlässliche Grundlage für eine gesunde ökonomische Entwicklung des Euroraumes.

Natürlich führen besser integrierte Finanzinfrastrukturen auch zu sinkenden Transaktionskosten und unterstützen die Konvergenz im Eurosystem.

Die Ziele bleiben, und unser Vorgehen bleibt im Kern bestehen. Wir arbeiten in einer Netzwerkindustrie und wir können nur gemeinsam gewinnen. Daher setzen wir auch bei der Realisierung der Vision 2020 auf die enge Zusammenarbeit mit dem Markt. Dabei hilft es Ihnen und uns, wenn wir uns alle frühzeitig mit den Implikationen vertraut machen und den Austausch dazu suchen.

So gesehen ist der Titel meiner Rede auch eine Einladung an Sie, weiter Teil zu haben an der Erfolgsgeschichte von TARGET2.