Veronika Grimm beim Neujahrsempfang

Wirtschaftsweise Veronika Grimm: Abhängigkeiten abbauen

Im Herbst 2022 entwickelte Veronika Grimm als Co-Vorsitzende einer Kommission ein Konzept für die Gaspreisbremse, das die Bundesregierung fast vollständig umsetzte. In ihrer Rede auf dem Neujahrsempfang der Alumni-Vereinigung der Hochschule der Bundesbank widmete sich Grimm aber vor allem der Frage, wie die deutsche Volkswirtschaft die Herausforderungen in der Außenwirtschaft meistern kann.

Signifikante Einsparerfolge beim Energieverbrauch

Laut Grimm müsse Deutschland als offene Volkswirtschaft berücksichtigen, dass mittlerweile sicherheitspolitische Themen mit Handelspolitik verknüpft werden. Dass nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs ein Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft ausblieb, führte die Rednerin auf mehrere Faktoren zurück: „Die Einsparerfolge beim Energieverbrauch waren signifikant, energieintensive Vorprodukte in den Wertschöpfungsketten wurden durch Importe substituiert, es gab teilweise einen Wechsel auf Öl oder bereits hin zu erneuerbaren Energien, die deutsche Wirtschaft ist flexibel.“

Neue Chancen für die Industrie

Eine zentrale Herausforderung für die deutsche Wirtschaft bleibe auf mittlere Sicht die Umstellung der Energieimporte, also der Wechsel hin zu Wasserstoff und erneuerbare Energien. Dabei stehen vor allem energieintensive Branchen wie die Chemie- oder Stahlindustrie unter Druck. Doch Grimm sieht hier auch Chancen: „Es ergeben sich etwa für den Maschinenbau auch neue Geschäftsmodelle durch den Aufbau der neuen Anlagen und Infrastrukturen für eine Wasserstoffwirtschaft.“ Generell werden steigende Preise für fossile Energieträger den Transformationsprozess der Wirtschaft beschleunigen, so die Wirtschaftsweise.

Bei der Umstellung auf Wasserstoff empfahl Grimm, die Lieferketten zu diversifizieren, um die Gefahr erneuter Abhängigkeiten wie von russischem Gas zu vermeiden. Sie verwies darauf, dass es weltweit Anbieter gebe. Beispielsweise habe Namibia eine gute Lage für grünen Wasserstoff. Man dürfe es dann aber nicht dabei belassen, Energie zu importieren: „Wir müssen umgekehrt auch dort dafür sorgen, erneuerbare Energien für die Befriedigung der regionalen Nachfrage gleich mit aufzubauen und die Wasserversorgung zu verbessern, damit beide Seiten davon profitieren.

Grimm blickte auch in die USA, wo mit dem „Inflation Reduction Act“ der Wandel zu erneuerbaren Energien mit Steuererleichterungen befördert werde: „So werden große Anreize bestehen, Investitionen mit grünen Wasserstoff dort zu tätigen. Damit geraten wir in der EU unter Zugzwang.“ Laut Grimm müsse sich deshalb die europäische Zusammenarbeit bei der Energiebeschaffung intensiveren.

Die Abhängigkeit von China, insbesondere bei Gesundheitsprodukten und kritischen Rohstoffen, bewertete die Wirtschaftswissenschaftlerin als problematisch. Zu den Ursachen erklärte Grimm: „China hat zur Senkung der Kosten die Wertschöpfungskette etwa bei der Produktion kritischer Rohstoffe integriert und dann zusätzlich die Produktion staatliche subventioniert. So hat man sich international eine Vormachtstellung verschafft und andere Anbieter verdrängt.“ Das betreffe nicht nur die EU, sondern auch andere Volkswirtschaften wie Australien.

Die Politik ist gefordert

In der anschließenden Diskussion wurde Grimm, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, zur Rolle der Zentralbanken beim Klimaschutz befragt. Laut der Volkswirtin stehen hier in erster Linie gewählte Politikerinnen und Politiker in der Verantwortung. Bei einer grünen Wertpapierankaufspolitik der Zentralbank sehe sie dagegen Probleme: „Gerade sogenannte braune Unternehmen besitzen das größte Energieeinsparpotenzial, was natürlich auch Investitionen erfordert.“ Zur Gaspreisbremse wurde Grimm auch befragt, das Ergebnis bewertete sie positiv: „Wir haben in Rekordzeit ein Konzept erstellt, sind froh, dass die Bundesregierung es weitgehend übernommen hat und dass es auch inflationswirksam ist.